Zwischen Meetings und Blutzucker: Mentales Wohlbefinden mit Diabetes am Arbeitsplatz

Ein Geschäftsmann überprüft seine Uhr, während er im Büro mit Diabetes aktiv ist und seinen Blutzucker im Blick behält.

9:30 Uhr, Online-Meeting, 30 Minuten angesetzt. Mein Blutzucker liegt bei 135 mg/dl, alles im grünen Bereich. Um 10:15 Uhr wartet der nächste Termin – an einem anderen Ort im Gebäude, 15 Minuten Fußweg entfernt. Als ich ankomme, zeigt mein Sensor 85 mit einem Pfeil nach unten. Ich muss Traubenzucker essen, bevor ich überhaupt am Tisch sitze. Während die anderen schon ins Thema einsteigen, rechne ich im Kopf: Wie schnell wirkt das jetzt, reicht das, oder brauche ich gleich noch mehr?

Das ist keine Ausnahme. Das ist ein ganz normaler Dienstag in meinem Job als IT-Projektleiter.

Der unsichtbare Faktor: Nicht das Meeting ist das Problem, sondern der Weg dazwischen

Wenn Menschen über Diabetes und Stress am Arbeitsplatz sprechen, geht es meistens um die Meetings selbst – um Druck, Deadlines, schwierige Gespräche. Bei mir ist es oft etwas anderes: die Strecke zwischen zwei Terminen.

15 Minuten zügiges Gehen zwischen zwei Besprechungsräumen wirken auf meinen Blutzucker wie ein kleines Workout. Kommt dazu noch die mentale Anspannung aus dem vorherigen Meeting, kippt der Wert manchmal schneller, als ich reagieren kann. Aus 135 wird ohne Vorwarnung eine 85 mit fallender Tendenz – und ich stehe im nächsten Meeting mit Notfall-Kohlenhydraten in der Tasche, bevor überhaupt die Begrüßung vorbei ist.

Das ist ein Aspekt, über den selten gesprochen wird: Nicht die Belastung selbst ist immer das größte Risiko, sondern der Übergang dazwischen – der Moment, in dem niemand hinschaut, aber der Blutzucker trotzdem seine eigene Agenda verfolgt.

Was das mit einem macht: Angst, Konzentrationsverlust, Scham

Ich will ehrlich sein, wie sich so eine Situation tatsächlich anfühlt, denn glatt gebügelte Erfolgsgeschichten helfen niemandem weiter.

Zuerst kommt die Angst. Nicht die große, dramatische Angst, sondern dieses leise Grundrauschen: Reicht der Traubenzucker, oder geht es gleich weiter runter? Direkt danach merke ich, dass meine Konzentration nicht mehr beim eigentlichen Thema ist. Ein Teil meines Kopfes überwacht permanent den Wert, während der andere Teil versucht, dem Projektstatus zu folgen, den gerade jemand vorstellt. Und dann ist da noch die Scham – die Sorge, dass es zu einer schweren Unterzuckerung kommen könnte, direkt vor Kolleg:innen oder Kunden, und was das für ein Bild hinterlässt.

Diese drei Dinge zusammen – Angst, Aufmerksamkeitsverlust, Scham – sind für mich der eigentliche Kern von „mentaler Belastung durch Diabetes im Job“. Es geht nicht nur um den Wert an sich, sondern um das, was er im Kopf auslöst, während man gleichzeitig professionell und präsent wirken soll.

Wie sich dieses „zweite Betriebssystem im Kopf“ anfühlt, das bei Diabetes nie schläft, habe ich auch schon an anderer Stelle beschrieben: Was du nicht siehst – ein Leben mit Diabetes.

Wie ich heute damit umgehe

Mit der Zeit habe ich mir eine Reihe von Routinen zurechtgelegt, die diese Situationen nicht verhindern, aber deutlich handhabbarer machen.

Termine bewusst planen. Wenn ich weiß, dass zwischen zwei Meetings ein Ortswechsel ansteht, versuche ich von vornherein genug Puffer einzuplanen – auch wenn das im vollen Kalender nicht immer einfach ist. Lieber fünf Minuten früher aufbrechen, als am Ende mit fallendem Wert im nächsten Raum zu sitzen.

Hochfrequentes Checken vor kritischen Phasen. Vor einem bekannten Belastungsmoment – etwa direkt vor einem Ortswechsel – schaue ich deutlich häufiger auf meine Werte als sonst. Ziel ist es, einen möglichen Absturz zu erkennen, bevor er zum Problem wird, statt erst zu reagieren, wenn es schon kritisch ist.

Die Smartwatch als diskretes Frühwarnsystem. Ein Tool, das für mich einen echten Unterschied gemacht hat, ist GlucoDataHandler (GDH). Die Funktion, die Glukosewerte direkt auf die Smartwatch zu übertragen, hilft mir enorm dabei, Unsicherheit zu verkleinern. Ein kurzer Blick aufs Handgelenk, mitten im Gespräch, fällt niemandem auf – im Gegensatz dazu, mitten in einem Meeting das Handy herauszuholen. Gerade weil solche Drittanbieter-Apps zuletzt unter Druck geraten sind, beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema – mehr dazu in LibreLinkUp v5: Warum Drittanbieter-Apps bald nicht mehr funktionieren.

Notfall-Kohlenhydrate – immer. Das klingt banal, ist aber nicht verhandelbar. Ich habe sie grundsätzlich dabei, ohne Ausnahme. Wie du eine beginnende Unterzuckerung sicher erkennst und richtig reagierst, habe ich hier im Detail beschrieben: Hilfe, mein Blutzucker ist zu niedrig! – So erkennst du eine Hypoglykämie und reagierst richtig.

Offen kommunizieren, wenn es nötig ist. In meinem engeren Kolleg:innenkreis spreche ich offen über meinen Diabetes. Das bedeutet nicht, dass ich es in jedem Meeting zum Thema mache – aber wenn mein Blutzucker zu stark absinkt, sage ich das direkt im Meeting: dass ich kurz etwas dagegen unternehmen muss. Im äußersten Fall verlasse ich den Raum. Bisher habe ich dabei ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Ich glaube, das liegt genau an dieser Direktheit: Wer offen sagt „ich muss jetzt kurz reagieren“, nimmt dem Moment die Peinlichkeit, bevor sie überhaupt entstehen kann.

Diabetes als Strukturgeber statt als Hindernis

Eine Erkenntnis, die mich selbst überrascht hat: Diabetes hat mich insgesamt strukturierter gemacht. Die Erkrankung zwingt einen zu mehr Vorausplanung – Mahlzeiten, Termine, Belastungsspitzen, alles muss mitgedacht werden.

In meiner beruflichen Position als IT-Projektleiter hat sich dadurch nicht viel verändert, denn genau diese Eigenschaft – vorausschauend planen, Risiken früh erkennen – gehört ohnehin zum Berufsbild. Bisher merke ich weder einen positiven noch einen negativen Effekt auf meine Karriere. Diabetes ist da, aber er ist kein Hindernis und auch kein Karrierebooster – er ist einfach ein weiterer Faktor, den ich in meine Planung mit einbeziehe, so wie ein Projektrisiko im Projektplan.

Diabetes-Burnout: ein Faktor, den man nicht kleinreden sollte

Was in Gesprächen über Diabetes am Arbeitsplatz oft zu kurz kommt: die Doppelbelastung, die diese Erkrankung mit sich bringt. Neben der beruflichen Belastung kommt die permanente Selbstüberwachung noch obendrauf, körperlich wie psychisch.

Das ist kein Gefühl, das ich mir einbilde. Studien zu sogenanntem „Diabetes-Distress“ zeigen, dass ein erheblicher Teil der Menschen mit Typ-1-Diabetes zumindest zeitweise unter erhöhter Belastung durch die Erkrankung leidet, wobei fast die Hälfte aller Personen mit Typ-1-Diabetes in einer internationalen Studie angab, aufgrund des Diabetes stark belastet zu sein.
Auch eine Untersuchung zu Stress und Erschöpfung bei Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes kommt zu einem ähnlichen Bild, wonach mindestens 41,6 Prozent zumindest über mäßigen Stress im Zusammenhang mit der Erkrankung klagen. Eine Beobachtungsstudie des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung hat zudem gemessen, wie viel Zeit Menschen mit Typ-1-Diabetes tatsächlich in belastenden Zuständen verbringen und kam bei Erwachsenen, die kurz zuvor stationär behandelt worden waren, auf im Schnitt rund 23 Prozent der Zeit in Belastung durch Unterzuckerungsrisiko und über 45 Prozent der Zeit in Belastung durch Glukoseschwankungen.

Das zeigt: „Diabetes-Burnout“ ist kein Ausdruck von mangelnder Disziplin, sondern eine reale, messbare Belastung, die zusätzlich zur normalen beruflichen Anspannung kommt. Was genau dahintersteckt und wie sich so ein Zustand anfühlt, habe ich ausführlicher in Wenn Diabetes einfach zu viel wird beschrieben. Genau deshalb gehört dieser Punkt für mich in jede Lebens- und Karriereplanung mit hinein – nicht als Drohkulisse, sondern als realistischer Faktor, den man einplant, so wie Puffer zwischen zwei Meetings.

Diabetes und Karriere schließen sich nicht aus

Damit das nicht zu düster stehen bleibt: Eine Karriere mit Typ-1-Diabetes ist möglich – auch auf höchstem Niveau. Alexander Zverev, einer der besten Tennisspieler der Welt, lebt selbst mit Typ-1-Diabetes und zeigt damit eindrücklich, dass die Erkrankung selbst eine Hochleistungskarriere im Spitzensport nicht ausschließt. Wenn das im Profisport funktioniert, mit all seinen körperlichen und mentalen Extrembelastungen, dann ist ein Bürojob mit Meetings und Terminwechseln erst recht zu meistern – vorausgesetzt, man nimmt die Belastung ernst und baut sich die passenden Routinen dafür auf.

Meine wichtigsten Tipps für Berufstätige mit Diabetes

Wenn du in einer ähnlichen Situation steckst – viel Meeting-Aufkommen, häufige Ortswechsel, Verantwortung, die keine Pause macht – hier meine wichtigsten Erkenntnisse aus der Praxis:

  1. Offen kommunizieren. Kläre zumindest die direkten und häufigen Kontakte über deine Situation auf. Das nimmt Druck raus, bevor überhaupt etwas passiert.
  2. Tag bewusst strukturieren. Vermeide, so gut es geht, körperliche Belastungsspitzen direkt vor oder nach wichtigen Terminen – etwa durch realistische Pufferzeiten bei Ortswechseln.
  3. Die richtige Hard- und Software wählen. Ein gutes CGM-Setup mit Smartwatch-Anbindung, zum Beispiel über GDH, kann den Unterschied machen zwischen ständiger Unsicherheit und einem entspannten Blick aufs Handgelenk.
  4. Notfall-Kohlenhydrate immer dabei haben. Ohne Ausnahme. Auch wenn du „eigentlich“ nur kurz zwischen zwei Räumen unterwegs bist.

Fazit

Mentales Wohlbefinden mit Diabetes am Arbeitsplatz ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann behält. Es ist eine tägliche Praxis aus Planung, Beobachtung und offener Kommunikation. Bei mir war der entscheidende Wendepunkt, den unsichtbaren Faktor zu erkennen: nicht das Meeting selbst, sondern der Weg dazwischen. Seitdem ich das mitdenke, fühle ich mich in meinem Arbeitsalltag deutlich sicherer – nicht, weil der Diabetes weniger geworden ist, sondern weil ich gelernt habe, ihm den Raum zu geben, den er braucht.


Wie gehst du mit Diabetes und Stress im Job um? Schreib mir gerne einen Kommentar – ich lese jede Rückmeldung.


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Hinweis:

GlucoseCode bietet keine medizinische Beratung.
Die Inhalte dieser Website dienen ausschließlich der Information über technische und andere allgemeine Informationen im Diabetesmanagement.
Sie ersetzen nicht die individuelle Beratung durch Ärzt*innen oder medizinisches Fachpersonal.
Bei gesundheitlichen Fragen oder zur Therapieanpassung wende dich bitte immer an deine behandelnde Praxis.

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