Letzte Woche. 33 Grad. Ich sitze im Schatten, trinke mein zweites Glas Wasser, habe seit Stunden nichts gegessen – und mein CGM zeigt eine Kurve, die aussieht, als hätte jemand meinem Sensor Kaffee gegeben. Erst runter, dann hoch, dann ein Pfeil nach oben, der mich fragend anschaut.
Ich schaue zurück. Wir verstehen uns beide nicht.
Sommer mit Diabetes. Ich mag Sommer wirklich. Aber er mag meinen Blutzucker manchmal nicht besonders.
Warum Hitze den Blutzucker überhaupt beeinflusst
Wenn es heiß ist, hat der Körper eine klare Priorität: sich selbst kühlen. Dafür pumpt er mehr Blut an die Hautoberfläche, lässt einen schwitzen und arbeitet den Kreislauf auf Hochtouren. Das klingt erstmal nach einem Problem des Körpers, nicht nach einem Diabetes-Problem.
Aber diese erhöhte Durchblutung geht überall hin. Auch an die Stelle, wo ich gerade Insulin gespritzt habe.
Und das verändert, wie schnell das Insulin ins Blut gelangt. Nicht ein bisschen. Spürbar.
Das ist keine Theorie, die ich irgendwo gelesen habe. Das ist etwas, das ich an mir selbst merke – jedes Jahr aufs Neue, als hätte ich es über den Winter wieder vergessen. Ähnlich wie beim Heuschnupfen, wo der Körper durch äußere Einflüsse plötzlich ganz andere Regeln spielt.
Schnellere Insulinwirkung – klingt gut, ist aber tückisch
Was im Winter vielleicht 20 Minuten dauert, passiert im Sommer manchmal in 10. Das Insulin ist einfach schneller da.
Auf den ersten Blick: super. Auf den zweiten Blick: nicht so super.
Wenn ich nach dem Essen boluse und das Insulin früher wirkt als die Kohlenhydrate ankommen, bin ich in einer Unterzuckerung. Einfach so. Ohne Vorwarnung, ohne dass ich etwas „falsch“ gemacht hätte. Der Körper reagiert darauf prompt mit seiner Notfallbesatzung: Adrenalin, Glukagon, Cortisol. Die schießen den Zucker wieder hoch. Ich korrigiere. Zu viel oder zu wenig, weil ich immer noch nicht weiß, wie schnell das Insulin heute eigentlich tickt.
Das Ergebnis ist eine Kurve, die aussieht wie ein schlechter Tag an der Börse.
Wer ohnehin schon intensiv an seiner Basal-Bolus-Balance arbeitet, bemerkt diese Verschiebung früher. Aber auch dann: Im Sommer braucht es eine neue Kalibrierung. Was im April funktioniert hat, funktioniert im Juli nicht unbedingt genauso.
Das Insulin im Pen hat auch keinen Sonnenschutz
Das ist der Punkt, bei dem ich wirklich lange gebraucht habe, um ihn ernst zu nehmen.
Insulin verträgt keine Hitze. Ab etwa 25–30 Grad Dauerwärme verliert es an Wirksamkeit, ab 37 Grad geht es schnell bergab. Direktes Sonnenlicht ist nochmal schlimmer. Und ein heißes Auto – das ist so eine Art Backofen auf Rädern – kann einen Pen in weniger als einer Stunde ruinieren.
Das Gemeine daran: Das Insulin sieht danach noch genauso aus wie vorher. Klar, leicht gelblich, keine Flocken. Alles scheinbar in Ordnung. Aber die Wirkung ist weg, oder zumindest deutlich reduziert. Man spritzt, wartet, schaut auf die Kurve – und die interessiert sich herzlich wenig für das Insulin, das ich gerade gegeben habe.
Angebrochene Pens sollten bei maximal 25 Grad gelagert werden, nicht länger als vier Wochen. Im Hochsommer bedeutet das: Kühltasche, Rucksack-Innenfach, irgendwo im Schatten. Nicht auf dem Handtuch neben der Sonnenliege.
Ich spreche aus Erfahrung.
Mein CGM und ich im Sommer: kompliziert
Mein Freestyle Libre und ich haben grundsätzlich ein gutes Verhältnis. Er piept, ich schaue, meistens ergibt das einen Sinn. Die Fehlermeldungen, die er gelegentlich produziert, habe ich schon mal ausführlich beschrieben.
Im Sommer kommt eine neue Dimension dazu.
CGM-Sensoren messen nicht direkt im Blut, sondern im Gewebezucker. Das bedeutet: Sie hinken dem tatsächlichen Blutzucker schon unter normalen Bedingungen ein paar Minuten hinterher. Wenn ich jetzt stark schwitze, verändert sich das Gewebe darunter. Feuchtigkeit unter dem Sensor, Haftungsprobleme, veränderte Durchblutung, veränderte Flüssigkeitsverteilung. Die Messung wird ungenauer.
Das heißt nicht, dass das CGM im Sommer nutzlos wird. Aber ich vertraue einem Wert, der mich nicht überzeugt, im Juli noch weniger als im Januar. Im Zweifel: Finger, Stich, Messung. Old school, aber verlässlich.
Dehydration: der Faktor, den man immer vergisst
Ich trinke im Sommer zu wenig. Das weiß ich. Ich sage mir jeden Jahr, dass ich es diesmal besser mache. Und dann sitze ich abends da und merke, dass ich seit dem Frühstück vielleicht einen Liter getrunken habe.
Was passiert dabei? Das Blut wird dicker. Weniger Volumen, gleiche Menge Zucker – der Messwert steigt, obwohl ich nichts gegessen habe. Gleichzeitig schüttet der Körper bei Wassermangel Stresshormone aus, Cortisol zum Beispiel, das den Blutzucker weiter nach oben treibt.
Ich habe mir angewöhnt, bevor ich einen unerklärlich hohen Wert korrigiere, kurz innezuhalten und mich zu fragen: Hab ich heute eigentlich genug getrunken?
Meistens weiß ich die Antwort schon, bevor ich sie ausgesprochen habe.
Sport im Sommer: Hitze mal Unterzucker-Risiko
Sport und Diabetes ist sowieso eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Im Sommer kommen Hitze und Schwitzen als zusätzliche Variablen oben drauf.
Die Muskeln verbrauchen Glukose. Die Insulinwirkung ist durch die Wärme schon verstärkt. Und eine Unterzuckerung kann noch Stunden nach dem Sport auftreten – manchmal erst nachts, wenn man längst denkt, das war ein erfolgreicher Tag. Das kenne ich aus dem Winter. Im Sommer passiert es mir schneller und unerwarteter.
Was ich seitdem immer dabei habe: Traubenzucker. Kein Verhandeln, keine Ausnahmen. Und nach dem Sport, auch wenn ich mich gut fühle, schaue ich nochmal auf die Kurve. Nur so zur Sicherheit.
Was mir im Sommer konkret hilft
Ich mag keine Checklisten. Aber ein paar Dinge haben sich für mich bewährt:
Insulin schützen. Pen oder Reservoir gehören nicht in die Sonne. Eine kleine Kühltasche kostet fast nichts und rettet im Zweifel den Tag.
Bolus-Timing überdenken. Im Sommer wirkt Insulin früher. Das kann bedeuten, etwas später zu spritzen oder bei Korrekturen vorsichtiger zu sein als gewohnt.
CGM mit mehr Abstand betrachten. Nicht jeden Wert sofort als Auftrag verstehen. Kurz nachdenken. Im Zweifel nachmessen.
Wasser trinken. Klingt banal. Ist es auch. Trotzdem vergesse ich es regelmäßig.
Nach dem Sport nochmal schauen. Auch wenn alles gut aussieht. Gerade dann.
Fazit
Der Sommer ist schön. Wirklich. Ich sage das ohne Ironie.
Aber er hat ein paar Eigenheiten, die ich als Diabetiker kenne – oder kennen sollte. Schnelleres Insulin, geschwächte Pens, ein CGM das gelegentlich streikt, und ein Körper, der mit Hitze, Schwitzen und Dehydration gleichzeitig kämpft.
Wenn ich das weiß, überrascht mich die komische Kurve im Schatten bei 33 Grad wenigstens nicht mehr vollständig.
Überrascht. Nicht wirklich.

