Nun, zum Jahresende noch ein paar persönliche Anmerkungen zum Thema Diabetes. Ein klein wenig zurückschauen und auch ein wenig Ausblick auf die Zukunft. Diabetes ist nämlich, und das wird manche überraschen, keine One-Man-Show.
Ich lebe mit Typ-1-Diabetes. Das bedeutet: Mein Körper produziert kein Insulin mehr – das Hormon, das dafür sorgt, dass Zucker aus dem Blut in die Zellen gelangt. Ohne Insulin würde ich nicht überleben. Also übernehme ich den Job meines Körpers – Tag und Nacht, mein Leben lang.
Diabetes ist nicht sichtbar. Und gerade das macht es oft schwer für andere, zu verstehen, was wirklich dahintersteckt. Wie viele Gedanken, wie viel Verantwortung und wie viel Unsicherheit jeden Tag damit verbunden sind.
Ein Vollzeitjob, den niemand sieht
Mein Diabetes ist wie ein Job, der keine Pause kennt. Ich bin gleichzeitig Manager, Arzt, Pfleger und Notfallhelfer – in meinem eigenen Körper. Ich denke ständig mit:
- Wie viel Insulin brauche ich zum Frühstück?
- Was, wenn ich gleich Sport mache?
- Habe ich genug Traubenzucker dabei?
- Was, wenn mein Sensor plötzlich spinnt?
Auch wenn ich lächle oder mit Freund:innen auf dem Sofa sitze – im Hintergrund laufen diese Fragen immer mit. Und das schlaucht. Es nimmt Raum ein – in meinem Kopf, in meinem Alltag, manchmal auch in meinem Herzen.
Freundschaften: Zwischen Nähe und Missverständnissen
Mit meinen Freund:innen spreche ich offen über meinen Diabetes. Die meisten zeigen Interesse, wollen verstehen, fragen nach. Das tut gut. Es macht den Raum auf, ehrlich zu sein – auch mit den Ängsten, die dazugehören. Solche Momente tun manchmal weh. Weil man nicht nur mit einer Krankheit lebt, sondern manchmal auch merkt, wie sie Beziehungen verändert – oder sogar auf die Probe stellt.
In einer Beziehung: Liebe mit Verantwortung
Meine Partner wissen genau, wie mein „Unterzucker-Gesicht“ aussieht. Sie kennen die leichten Zuckerschwankungen, aber auch die Situationen, in denen es ernst wird. Wenn ich nachts unruhig werde, wenn ich fahrig antworte oder plötzlich nicht mehr weiß, was ich sagen wollte – dann sind sie da.
Das gibt mir Sicherheit. Aber es bedeutet auch Verantwortung für sie. Und manchmal auch Sorgen. Ich merke, wie sie mich im Blick haben, auch wenn ich es selbst gar nicht will. Wenn sie fragen:
„Hast du deinen Zucker gecheckt?“,
dann meinen sie es gut – aber es fühlt sich trotzdem manchmal an wie Kontrolle. Und dann reden wir. Weil es wichtig ist, dass sie wissen: Ich bin dankbar. Aber ich will auch selbstbestimmt bleiben.
Eine Beziehung mit Diabetes ist ein Team-Projekt. Offenheit, Geduld und eine Portion Humor sind dabei essenziell.
Im Job: Zwischen Professionalität und Ehrlichkeit
Im Arbeitsalltag versuche ich, meinen Diabetes so gut es geht zu integrieren – ohne dass es zur großen Sache wird. Ich checke meinen Zucker diskret, rechne im Kopf, spritze bei Bedarf. Manchmal mitten in einer Besprechung, wenn ich merke, dass mein Blutzucker fällt.
Aber es gibt auch die anderen Momente. Wenn ich zum Beispiel eine Pause brauche und erklären muss, warum. Oder wenn jemand sagt:
„Kannst du nicht einfach vorher was essen, damit das nicht passiert?“
Ich verstehe, dass viele einfach keine Ahnung haben. Es ist keine böse Absicht. Aber es zeigt, wie wenig Wissen es noch gibt – und wie sehr ich manchmal das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen. Als würde ich „zu viel Aufmerksamkeit wollen“. Dabei will ich nur gesund bleiben.
Soziale Energie – und ihre Grenzen
Manchmal wünsche ich mir, mein Diabetes wäre für andere sichtbarer. Nicht, weil ich Mitleid will. Sondern, weil ich müde bin, ständig zu erklären. Weil ich oft zwei Gespräche gleichzeitig führe – eins laut mit anderen, und eins still mit meinem Blutzucker. Das kostet Energie. Und manchmal fehlt sie dann für anderes.
Es gibt Tage, da bin ich stiller. Rückzugs-Tage. Und wenn Menschen das akzeptieren, ohne zu drängen oder zu urteilen – dann bin ich dankbar. Denn Verständnis ist oft das größte Geschenk.
Was ich gelernt habe – und was ich mir wünsche
Ich habe gelernt, ehrlich zu sein. Nicht alles zu erklären, aber genug, damit andere verstehen können. Ich habe gelernt, Grenzen zu setzen und Hilfe anzunehmen. Und ich habe gelernt, dass nicht jeder damit umgehen kann – und das ist okay.
Ich wünsche mir, dass wir mehr über Diabetes sprechen. Dass es normal wird, wenn jemand seinen Blutzucker misst oder eine Pumpe trägt. Dass weniger Menschen denken, ich hätte das „vom vielen Zuckeressen“. Und dass mehr Menschen einfach mal fragen:
„Wie geht’s dir heute – mit deinem Diabetes?“
Denn das zeigt: Du siehst mich. Nicht nur meine Krankheit.
Somit wünsche ich allen da draußen, egal ob nun Diabetiker oder nicht, einen guten Rutsch in das nächste Jahr. Bleibt alle so gesund wie möglich, checkt eure Werte regelmäßig und bleibt stabil.
Für mich endet dieses Jahr vor allem mit: „Ich habe wieder einmal viel gelernt. Über meinen Diabetes, über mich und darüber wie wichtig es ist jemanden zu haben, der unterstützend an meiner Seite steht.“

Pusteblume
Hast du selbst Diabetes oder kennst jemanden, der betroffen ist?
Wie gehen deine Mitmenschen damit um? Schreib’s gern in die Kommentare – ich freue mich auf den Austausch.

