Kürzlich habe ich ein Interview gegeben. Eine Studentin einer Münchner Universität schreibt gerade ihre Masterarbeit zum Thema KI und Gesundheitsdaten und wollte wissen, wie das bei mir im Alltag aussieht: Welche Daten sammle ich eigentlich, was mache ich damit, und was würde ich mir wünschen, dass diese Daten mir noch zeigen könnten. Richtig gute Fragen, ehrlich gesagt – manche davon hatte ich mir selbst noch nie so konkret gestellt.
Eine davon ist bei mir hängen geblieben: Wenn ich meine Glukosedaten schon so akribisch sammle, warum schaue ich dann eigentlich fast nie weiter zurück als 14 Tage?
Jeder kennt das Standard-AGP: 14 Tage Daten, eine hübsche Kurve, fertig. So macht es auch jede Diabetes-Software, vom LibreView-Export bis zur Praxissoftware beim Diabetologen. Und für den nächsten Termin reicht das auch völlig.
Aber ich wollte mal etwas anderes wissen: Wie hat sich mein Zucker eigentlich über die letzten zwei Jahre entwickelt – nicht in den letzten zwei Wochen?
Also habe ich meinen kompletten LibreView-Export gezogen. Über 250.000 Zeilen, vom Sensorstart im Juni 2024 bis heute. Acht Sensorwechsel, zwei Jahre Alltag, Stress, gute Phasen, schlechte Phasen. Und das Ganze habe ich strukturiert auswerten lassen, mit Python und KI-Unterstützung beim Aufbereiten – nicht weil eine KI mir sagt, was ich essen soll (dazu gibt’s hier auf dem Blog schon einen eigenen Artikel), sondern weil 250.000 Datenpunkte von Hand auszuwerten kein Mensch macht.
Warum 14 Tage manchmal nicht das komplette Bild zeigen
Das offizielle AGP ist bewusst kurz gehalten. 14 Tage gelten laut internationalem Konsens als ausreichend repräsentativ für den aktuellen Stand. Das stimmt auch – für eine Momentaufnahme.
Das Problem: Eine Momentaufnahme zeigt dir nicht, ob du dich verbesserst oder verschlechterst. Sie zeigt dir nicht, ob die Anpassung der Basalrate vor sechs Monaten überhaupt etwas gebracht hat. Und sie blendet komplett aus, dass zwei schlechte Wochen im Dezember (Erkältung, Weihnachtsstress, was auch immer) ein Bild zeichnen können, das mit deinem eigentlichen Alltag wenig zu tun hat.
Bei mir kam zum Beispiel genau das raus: In den 14 Tagen vor meinem letzten Arzttermin hätte ich wahrscheinlich einen leicht anderen Eindruck bekommen als das, was die letzten zwei Jahre tatsächlich zeigen.
Was die Zahlen sagen
Über den kompletten Zeitraum: 91,9 % Time in Range, ein geschätzter HbA1c-Wert (GMI) von 6,86 %, kaum Unterzuckerungen. Klingt erstmal nach einem guten Schnitt – aber der eigentlich interessante Teil ist der Verlauf.
Aufgeteilt in Quartale sieht das so aus:
- Mitte 2024: TIR bei 84 %, GMI bei 6,95 %
- Jetzt (Q2 2026): TIR bei 97 %, GMI bei 6,59 %
Das ist kein Sprung, sondern eine Linie, die über neun Quartale fast durchgehend in die richtige Richtung zeigt. Ein 14-Tage-Schnappschuss zeigt dir nie die Bewegung, nur den aktuellen Wert.
Und die Variabilität – wie stark die Werte um den Mittelwert schwanken – blieb die ganze Zeit stabil zwischen 13 und 16 Prozent. Das ist fast wichtiger als der reine Durchschnittswert, denn starke Schwankungen sind für den Körper auf Dauer belastender als ein paar Punkte mehr oder weniger im Schnitt.
Das Muster, das sich erst über Monate zeigt
Eine Sache ist mir erst bei der Langzeitanalyse wirklich aufgefallen: ein wiederkehrender Anstieg gegen 21 Uhr abends. Kein Drama, aber konstant sichtbar – Tag für Tag, Monat für Monat.
In 14 Tagen hätte ich das vielleicht auch gesehen, aber ich hätte es für Zufall gehalten. Über zwei Jahre wird aus einem zufälligen Ausreißer ein echtes Muster. Und ein echtes Muster ist etwas, das sich lohnt, mit dem Diabetes-Team zu besprechen – Spritz-Ess-Abstand beim Abendessen, Basalrate am späten Nachmittag, solche Sachen.
Wer noch nicht genau weiß, wo bei sich die Basalrate überhaupt sitzt oder ob sie zu diesem Abendmuster passt, findet im Artikel zum Basalratentest eine gute Anleitung, wie man das systematisch prüft.
Was mich tatsächlich beruhigt hat: Im Vergleich zwischen den ersten sechs Monaten und den letzten sechs Monaten ist genau dieser Abendpeak schon spürbar flacher geworden. Was auch immer in der Zwischenzeit angepasst wurde – es wirkt.
Was ein solches Profil zeigt (und was nicht)
Eine Sache muss ich an dieser Stelle ehrlich sagen: Diese Auswertung ersetzt keinen Arztbesuch und keine Therapieentscheidung. Sie ist ein Werkzeug, um Muster sichtbar zu machen, die man selbst im Alltag oft nicht bemerkt – aber die letzte Einordnung gehört ins Behandlungszimmer, nicht in eine Excel-Tabelle.
Was so eine Langzeitauswertung aber sehr gut kann: zeigen, ob die großen Stellschrauben in die richtige Richtung gedreht wurden. Bei mir war das über zwei Jahre der Fall. Das macht auch etwas mit der Motivation – wenn man schwarz auf weiß sieht, dass aus 84 % TIR irgendwann 97 % geworden sind, fühlt sich der ganze Aufwand mit Sensor, Bolusrechnen und Basalratentests plötzlich sehr viel sinnvoller an.
Wer das selbst ausprobieren will
Man braucht dafür keine Diabetes-Datenanalyse-Firma. Der LibreView-Export ist über das Webportal oder die App in wenigen Klicks verfügbar (CSV-Datei, alle Sensordaten, Insulin- und Kohlenhydratdaten, sofern eingetragen). Wer technisch interessiert ist und seine Werte ohnehin schon woanders mitlaufen lässt, zum Beispiel über GlucoDataHandler auf der Smartwatch, hat sowieso schon ein gutes Gefühl dafür, wie viele Rohdaten über die Zeit zusammenkommen.
Eine Frage stellt sich dabei natürlich automatisch: Will ich meine kompletten Gesundheitsdaten wirklich extern hochladen und auswerten lassen? Das ist keine rhetorische Frage – dazu gibt’s hier auf dem Blog einen eigenen Artikel, Datenschutz vs. Nutzen: Wie sicher sind meine Gesundheitsdaten in der Cloud?, der genau diese Abwägung durchgeht.
Fazit
Das 14-Tage-AGP bleibt der richtige Standard für den nächsten Arzttermin – kompakt, vergleichbar, schnell zu lesen. Aber wer wissen will, ob sich die eigene Therapie über Monate und Jahre wirklich verbessert, kommt an einer Langzeitbetrachtung nicht vorbei. Bei mir hat genau dieser Blick auf zwei Jahre Daten ein Muster sichtbar gemacht, das ich sonst nie mit dem Behandlungsteam besprochen hätte – und gleichzeitig schwarz auf weiß gezeigt, dass die bisherigen Anpassungen tatsächlich funktioniert haben. Für meinen nächsten Termin nehme ich jetzt beides mit: das 14-Tage-AGP für den aktuellen Stand, und die Langzeitkurve für den Beweis, dass sich die Arbeit lohnt.

